Sonntag, 27. Juni 2010

Für immer und Selig [Cappui]

Wenn mich Leute fragen, ob ich in diesem Jahr auf der Kieler Woche war, kann ich stolz sagen: „Natürlich – am Dienstag.“ Mehr braucht es wirklich nicht, denn ständig die selben Bands und immer betrunkenere Jugendliche muss man sich wirklich nicht all zu oft geben. Da kann noch so viel von „back to the roots“ geschwafelt werden – nur, weil das gelb-blaue Zirkuszelt nach vielen Jahren erstmals wieder auf der Reventlouwiese steht, heißt es nicht, dass dort wie früher recht unbekannte Rockbands auftreten und man sich genüsslich mit seinen mitgebrachten Bierdosen, einer Kippe und entfernten Bekannten neben dem Zelt auf der Wiese niederlässt und den Abend genießt. Das scheitert ja schon an den Bierdosen. Auch wenn es ja mittlerweile wieder welche zu kaufen gibt. Aber wer macht das schon?

Warum ich am Dienstag dann aber doch auf der KiWo war? Um es vorwegzunehmen: Ich habe von dem ganzen Trubel kaum etwas mitbekommen, bin direkt zur Hörnbühne und zurück, habe damit fast keine dieser unzähligen Verkaufsstände gesehen und musste mich nicht ein einziges Mal darüber echauffieren, dass es wegen überfüllter Wege nicht voran ging. Hooray! Und das Ganze passierte natürlich am Dienstagabend, weil dort mit Selig eine Band spielte, die ich schon in den 90ern großartig fand, aber nie live sehen konnte – dabei spielte sie damals irgendwann sogar mal im MAX. Tun sie auch jetzt wieder, aber mittlerweile verlangen Plewka, Neander und Co. dafür unsägliche 32 Euro. Das geht gar nicht, zumal Steffen immer davon schwärmt, dass er nur 12 Mark damals für Selig und Nationalgalerie im Doppelpack zahlen musste.

Jetzt also zum ersten Mal Selig, und passenderweise habe ich mein schniekes „Jetzt erst ECHT“-Shirt angezogen. Kim Franks Band galt ja einst – nicht wirklich zurecht – als die „neuen Selig“, als sie durchstartete. Als ich vor dem Konzert zufällig eine KIELerLEBEN-Redakteurin samt ihren Freund treffe, wird mein Shirt auch gleich kritisch beäugt. Ich kontere gekonnt mit „Naja, Selig sind doch die neuen Echt“, woraufhin mir erklärt wird, dass ich ja völlig falsch liegen würde, da es Selig ja schon in den 90ern gab, sogar länger als Echt. Keiner versteht meinen Humor. Mit den Worten „Mir ist es hier zu blöd“ verlässt die KIELerLEBEN-Redakteurin samt Freund anschließend meine Gesellschaft, aber das hat sicher nichts mit mir zu tun. Auf jeden Fall mache ich mir darüber keinen Kopf, sondern gucke mir lieber mal den Rest des schon anwesenden Publikums an: Die schleswig-holsteinischen Turbojugenden sind bereits vielzählig am Start und ebensozählig betrunken. In den ersten Reihen hingegen kauern viele geschminkte Teenie-Mädels, bei denen ich mich frage, woher sie Selig überhaupt kennen, wenn sie doch quasi erst bei deren ersten großen Hit „Sie hat geschrien“ versehentlich gezeugt wurden. Erst Minuten später erkenne ich an einem „One Fine Day“-Shirt, das eines der Kids vorne trägt, den wahren Grund ihrer Erste-Reihe-Warterei. Armes Selig.

Mittlerweile ist der Platz vor der Hörnbühne wirklich schon sehr gut gefüllt, als denn endlich Tim und Tine vorbeikommen. Zwei Minuten später betreten dann auch schon pünktlich Selig die Bühne, weitere zwei Minuten später auch endlich Jan Plewka, der sich ganz Rockstar-esque einen Sonderapplaus abholen darf. Die Band fängt auch gleich mit dem Klassiker „Ist es wichtig?“ an und bestätigt damit, dass man nicht nur Songs vom letztjährigen Comeback-Album spielen wird. Gut so. Musikalisch ist das alles auch mehr als ordentlich. Warum sollten die Herren es auch verlernt haben? Sie waren ja in der Zwischenzeit auch nicht untätig. So hatte Plewka neben einiger Solosachen mit Zinoba und TempEau auch zwei neue Bands, und Gitarrist Christian Neander konnte seine Gitarrenskills in der Liveband von Ingo Pohlmann schärfen. Offenbar hat er von ebendiesem auch diese schreckliche Stadionrock-Atmosphäre bei Selig importiert. Es vergeht kaum ein Lied, in dem Jan Plewka nicht dazu aufruft, mitzuklatschen oder zu -singen. Was natürlich kaum jemand tut, denn die ersten Reihen beobachten lieber One Fine Day, die gerade „backstage“ ein Interview aufzeichnen. Und die Turbojugenden? Die haben wechselweise Bier in der Hand oder im Mund und können deshalb nicht mitmachen. Vermutlich sind sie auch zu stolz dazu.

Selig sind dennoch augenscheinlich nicht unglücklich über die Stimmung, was vielleicht auch am Wetter und den umherschwirrenden Heißluftballons liegt. Jan Plewka, den ich mittlerweile als den „neuen Hartmut Engler“ tituliere, versucht es trotzdem ein einziges Mal mit einem auffordernden „das geht noch lauter“, vergisst dabei aber offenbar, dass wir hier nicht auf einem Vuvuzela-Konzert sind. Die neuen Revolverheld legen dann noch einmal richtig los, im Grunde fehlt nur noch ihr WM-Hit. Kurz darauf stimmen die neuen Tomte mit „Die Besten“ einen ihrer Klassiker an, und plötzlich ergeben die Songzeilen „ich dacht', wir hätten uns gefunden / ich dachte schon, wir könnten die Besten sein“ einen völlig neuen Sinn. Damit muss doch einfach Jogis Elf gemeint sein.

So beschleicht mich auch nach den beiden phantastischen Zugaben, logischerweise „Wenn ich wollte“ und das Gänsehaut erzeugende „Ohne Dich“, ein merkwürdiges Gefühl, als hätte sich wieder einmal eine der geliebten Bands aus der Vergangenheit verkauft. Aber hauptsache, Echt bleiben die Alten, wenn sie im Herbst ihr Comeback geben.

Mittwoch, 9. Juni 2010

Echt Panik (Immergutrocken 2010 – Teil 3) [Cappui]

Ist das Immergut mittlerweile zu einer Eintagsfliege verkommen? Oder kann sich Sascha einfach nicht mehr an die Geschehnisse des zweiten Tags erinnern? Weit gefehlt – er hatte nur keinen Schnöf, weiterzuschreiben. Jetzt aber.

Also wie vielleicht bereits erwähnt, ist die erste Nacht wirklich eine saukalte Angelegenheit. Die Immergut-Homepage verkündet im Nachhinein sogar den ersten Bodenfrost der Festivalgeschichte, aber das halte ich dann doch für ein Gerücht. Es ist aber definitiv so kalt, dass ich bereits früh Schlafsack und Zelt verlasse, um spazieren zu gehen. Ja, hallo Logik. Aber draußen friere ich tatsächlich weniger, und im Grunde ist es auch gar nicht mehr so früh, schon nach sechs Uhr. Das sehen auch andere Camper auf dem anderen Ende des Zeltplatzes ähnlich: „Aufstehen, Du Muschipenis“, glaube ich zu hören, als ich an einem dieser gehypeten Zwei-Sekunden-Aufbau-Zelte vorbeigehe. Oh my God, it's spreading!

Nach kurzem Frischmachen – die Duschen auf dem Immergut sind tatsächlich unschlagbar – wärmt die Sonne auch schon unsere Gemüter, und auch auf dem Zeltplatz herrscht schon reges Treiben. Zeit also für ein bisschen Spaß: „Offi, weißt du, was ich mich schon die ganze Zeit frage?“ - „Nee, was denn?“ - „Wo sind all die Indianer hin? Wann verlor das große Ziel den Sinn? So wie Chingachgook für das Gute steh'n, als letzter Mohikaner unter Geiern nach dem Rechten seh'n.“ Wir singen inbrünstig das Lied von unser aller Lieblingsband Pur und erhalten Standing Ovations von allen, die gerade stehen und Sitting Ovations von allen, die sich auf den Schreck erst einmal hinsetzen müssen.

ImmergutSaschaKurz darauf beschließen Offi und ich, dann doch zum Fußballturnier zu gurken. Weil sich die Hooligans von Dynamo Berlin sowie deren Fans für die Fips-Asmussen-Kampfbahn in Neustrelitz angekündigt haben, findet das Immergutzocken in diesem Jahr in der Fips-Asmussen-Kampfbahn in Alt-Strelitz statt. Cleverer Schachzug. Der Busfahrer des Shuttlebusses wird bereits nach wenigen Sekunden zum Kult erklärt. „Genau so stellt man sich einen ostdeutschen Busfahrer vor“, meint Offi, und ergänzt dann: „Naja, einen westdeutschen auch.“ Es hat schon ein wenig Mannschaftsbus-Atmosphäre, wie wir dort in zweiter Reihe sitzend, mit Streuselschnecken und Bier im Rucksack auf weitere Mitfahrer warten.

Leider klappt es in diesem Jahr nicht mit dem Mitspielen. Kim Frank dreht lieber Musikvideos statt seine Runden auf dem Fußballplatz, so dass die Mannschaft Echt trotz nachträglichen Eintreffens von Tim in Teamkluft nicht antreten kann. Eine Spielgemeinschaft mit der Band „Ja, Panik“ unter dem Namen „Echt Panik“ kommt ebenfalls nicht zustande, weil diese lieber unter sich bleiben will, obwohl sie nur zu sechst sind. Wir hören ihnen aber gerne zu mit ihrem süßen österreichischen Dialekt. Fast so gerne wie den Kommentatoren, die Offi und ich insgeheim als große Idole haben. So viel Schwachsinn auf einem Haufen reden die, und außerdem bieten sie an, dass man sich gekaufte Cola bei ihnen gratis „veredeln“ lassen kann durch Doppelkorn oder Klaren. Wir entscheiden uns unabhängig voneinander jeweils für den Doppelkorn wegen mehr Alkohol... Außerdem genießen wir hier die rötende Sonne, die Spiele, bei denen „Ja, Panik“ so sehr Kloppe beziehen, als würden sie gegen Färinger spielen, und Toiletten mit Spülung im Vereinsheim. Genau so stellt man sich einen immerguten Samstagmittag vor.

Dennoch entscheiden wir uns, bereits den ersten Bus zurück zum Festivalgelände zu nehmen. Schließlich ist ja auch schon das eingepackte Bier alle und Offi noch ungeduscht.

Montag, 7. Juni 2010

Reingehört: Far [Musik]

FarHachja, der Jonah Matranga. Wenn man mich nach den fünf wichtigsten, einflussreichsten Musikern für meinen Geschmack fragt, darf er einfach nicht fehlen. 2001 war es, als auch ich auf der hohen Emo-Welle surfte und das „Album des Monats“ in der Visions unbedingt konsumieren musste: „Thriller“ von New End Original war neben Thursdays „Full Collapse“ der endgültige Höhepunkt einer Szene, die nie eine eigene sein wollte und letztlich im Teenie-Screamo-Einheitsbrei unterging. New End Original galten dabei als „Supergroup“, denn sie bestand aus Mitgliedern der aufgelösten Bands Texas Is The Reason und Far. Beiden Bands näherte ich mich dann posthum an und war ebenfalls begeistert, insbesondere von „Water & Solutions“, dem vorerst letzten Werk Fars, der ersten Combo von Jonah Matranga.

Mittlerweile ist viel Wasser das Emo-Gesicht runtergeflossen, und da trauen sich die alten Hasen nun doch wieder aus ihren Löchern. Texas Is The Reason spielen zumindest wieder Liveshows, und Far haben mit „At Night We Live“ tatsächlich ein neues Album veröffentlicht – das erste seit rund zwölf Jahren. Die Vorfreude war groß, zumal Jonah Matranga nach der Auflösung der viel zu kurzlebigen New End Original nie von der Bildfläche verschwand. Denn der Sänger startete nicht nur mit der Band Gratitude einen ebenfalls kurzlebigen, schon beinahe indiepoppigen, aber letztlich erneut vergeblichen Versuch, Platten zu verkaufen. Nebenbei trat er auch immer wieder solo in Erscheinung – zunächst unter dem „New End Original“-Anagramm „Onelinedrawing“, später dann der Einfachheit halber unter eigenem Namen. Und er spielte vor allem dreimal binnen 19 Monaten im wundervollen weltruf in Kiel. Den Mann muss man einfach live erlebt haben, denn er singt mit einer solchen Inbrunst, einer solchen Intensität seine Lieder aus allen seinen musikalischen Stationen – und ungemein sympathisch, wenn auch sehr pathetisch, ist der Jonah auch noch.

Aber kommen wir nun endlich zur Antwort auf die Frage, was denn „At Night We Live“ taugt. Zunächst war ich natürlich äußerst euphorisiert, aber im Laufe der weiteren Hördurchgänge nutzt sich das Album leider schneller ab, als man es sich hätte wünschen können. Sicher, da haben wir mit der ersten Single „Deafening“ gleich einen Opener, der tatsächlich an alte Glanztaten anknüpft. Wütende Gitarren und vor allem die wundervoll wandlungsfähige Stimme Matrangas waren schon eh und je das Markenzeichen der schnelleren Songs aus seiner Feder. Aber schon ab dem zweiten Song dümpelt das Album böse vor sich hin: „If You Cared Enough“ und besonders das mit Handclaps angereicherte „Give Me A Reason“ erinnern eher an schlechte Lieder von Jimmy Eat World. „Burns“ und „Are You Sure?“ fehlt trotz klarem Uptempo irgendwie die Energie früherer Tage und klingen doch eher nach belanglosem Radiopop. Auch dem langsamen „When I Could See“ hätte mehr Intensität sehr gut getan, dann wäre der Song gar auf dem Deftones-Meisterwerk „White Pony“ nicht negativ aufgefallen. So bleiben Highlights leider Mangelware. Doch es gibt sie: „Fight Song #16,233,241“ ist zwar klischeebeladen ohne Ende mit Metal-Slogans, doch macht das Lied nicht nur Spaß, wenn man – wie das gesamte weltruf im Juli 2009 – selbst an den Grölstellen im Song mitwirken durfte. Und mit dem Titelsong sowie dem siebenminütigen „The Ghost That Kept On Haunting“ knüpft Jonah Matranga sogar an seine „New End Original“-Zeiten an.

So ist „At Night We Live“ sicherlich kein schlechtes Album, für einen musikalischen Meilenstein oder gar die Wiederbelebung eines toten Genres reicht es aber beileibe nicht. Natürlich schön, dass Far zurück sind - aber da höre ich dann doch lieber die alten Hits.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Button-Börnie (Immergut 2010 – Teil 2) [Cappui]

Wo waren wir noch gleich stehengeblieben? Achja: Die Zelte sind aufgebaut, der Regen abgeebbt und das kühle Bier zum Marsch auf das Festivalgelände geöffnet. So viele Aktivitäten in einem Passivsatz. Auf dem Weg müssen Offi und ich knifflige Quizfragen beantworten, die uns vom Wegesrand gestellt werden. Die Abkürzung für eine Party im Altersheim? Richtig: Sen.Feier. Und endlich wissen wir „Plön ist schön“ und andere Kalauer Tims endgültig zu schätzen.

Die bange Frage, ob das Abholen der Festivalbänzel wie im Vorjahr gefühlte Ewigkeiten dauern würde, beantwortet sich in dem Moment, in dem wir am leeren Bänzelstand erst einmal vorbei laufen. Während wir darauf warten, dass auch Tine ihr Wegbier endlich geleert hat und bevor wir ihr dabei unterstützend unter die Arme greifen (wie selbstlos!), fallen uns die Plakate für das Appletreegarden Festival ins Auge. Kann man ja mal drüber nachdenken, zumal der Eintritt nur halb so viel kostet wie der fürs Immergut.

Sascha-auf-ImmergutAuf dem Festivalgelände dann erst einmal das obligatorische Torwandschießen. Nie zuvor hatte es für mich gereicht, mich direkt für das samstägliche Fußballturnier zu qualifizieren. Und diesmal: Ein Schuss, ein Treffer. Leider geht es so nicht weiter, so dass es bei diesem einen Tor bleibt und ich letztlich kein Losglück habe. Ein zweiter Treffer hätte definitiv gereicht, denn dieser St.Pauli-Mokel, der vor mir dran war, traf auch nur einmal und stand am nächsten Tag in der Fanmannschaft. Aber dazu kommen wir später.

Mittlerweile spielen bereits Everything Everything auf der nun Waldbühne betitelten Hauptbühne. Gefällt mir sehr gut und erinnert mich ein bisschen an Phoenix, die ja möglicherweise mit einem ihrer Lieder sogar Namensgeber für die Band gewesen sein könnten – denke ich mir so im Stillen. Kurz darauf wechseln wir zur neu geschaffenen dritten Bühne, die sich in einem kleinen Zelt befindet und damit nur wenigen Menschen die Sicht auf die Künstler ermöglicht. Pfui! James Yuill, der mir „aus der Konserve“ eigentlich recht gut gefällt, macht dort ziemlich viel Elektro-Radau. Immerhin können wir zu der Musik einige Klassiker der 80er Jahre anstimmen, das hat ja auch etwas für sich. Durch unsere gute Laune ziehen wir aber natürlich schnell mal nerviges Gesocks an, in diesem Falle den vermutlich volltrunkenen „Button-Börnie“. Mit unzähligen Buttons – aber nur drei verschiedenen Motiven – gepflastert stößt dieser Mensch mit vielen ihm wildfremden Menschen sowohl an als auch zusammen. Dass wir den Kerl, der uns am Freitag noch etliche Male über den Weg läuft, am zweiten Festivaltag gar nicht mehr zu Gesicht bekommen werden, sollte nicht weiter verwundern.

The-Go-TeamWeiter mit der Musik: Vierkanttretlager im Zelt gefallen mir ganz gut, als Schleswig-Holsteiner muss man ja auch zusammenhalten. Als Official Secret Act auf der Waldbühne entpuppt sich die Band Official Secrets Act. Verrückte Welt! Offi wartet die ganze Zeit auf deren großen Hit und der kommt natürlich irgendwann ganz zum Schluss. Schlecht ist die Musik zwar nicht, aber schon irgendwie eintönig auf Dauer. Dann geht’s wieder zurück ins Zelt, wo We Were Promised Jetpacks schnell klarstellen, dass es ein Fehler war, sie nicht auf die große Bühne zu stellen. Das Zelt ist sehr gut gefüllt und besonders zu „Quiet Little Voices“ wird auch gut mitgesungen und -gefeiert. Dann aber ist es endlich Zeit für das unumstrittene Highlight des Immergut, auch wenn Offi da anderer Meinung ist. Soviel zum Thema unumstritten. The Go! Team machen mächtig Radau auf der Waldbühne, spielen alle Hits und einige neue Stücke. Tims Ankündigung im Vorfeld, die Band sei live sehr krachig, kann ich auf jeden Fall nicht unterschreiben. Sicherlich stehen die Gitarren mehr im Vordergrund als auf Platte, aber das hat schon noch alles Hand und Fuß. Ein sehr toller Auftritt, die Band kann man sich gerne noch einmal anschauen.

Bereits früh verlassen wir am Freitag das Festivalgelände, denn mit Bonaparte und Turbostaat wartet das Immergut mit eher ungelungenen Headlinern auf. Fröstelnd im eigenen Zelt fühle ich mich auch bestätigt, denn das klingt alles andere als überzeugend, was man von diesen Bands aus der Ferne aufschnappt. Besser wird es die Nacht über auf der Party aber offenbar auch nicht mehr, denn irgendwann wird tatsächlich „Paradies“ von den Toten Hosen angespielt. Dass Campino höchstpersönlich in Neustrelitz zu Gast ist und dabei Bonbons verteilt, scheint aber wirklich nur ein schlecht gestreutes Gerücht zu sein.

Montag, 31. Mai 2010

Muschipenis (Immergutrocken 2010 – Teil 1) [Cappui]

Alle Jahre wieder Ende Mai macht sich Sascha bekanntlich auf den Weg vom beschaulichen Kiel ins noch beschaulichere Neustrelitz an der mückengeplagten Mecklenburger Seenplatte. Immerhin ist es bereits das achte Immergut-Festival – sogar in Folge –, was bei meinen jungen 32 Lenzen damit immerhin fast ein Viertel der Letztes-Maiwochenende-Aktivitäten meines Lebens ausmacht. Man kann somit pathosgetränkt durchaus getrost sagen: Das Immergutrocken ist ein Teil meines Lebens.

Immergut2010Dass im Jahre 2010 schon im Vorfeld alles anders ist, wirkt zunächst befremdlich: Drei Bühnen statt zwei, unbekannte Bands statt guter, Fußballturnier in Alt- statt Neustrelitz – nur drei von vielen Neuerungen, die nach dem Jubiläumsfestival des Vorjahres (größtenteils) bedingt durch eine neue Veranstaltercrew anfallen. Immerhin bleibt entgegen anders lautender Gerüchte das Festivalgelände das gleiche, und auch die Anzahl der Ticketverkäufe wird nicht angehoben. Wobei man bei letzterem gar nicht sicher sein kann, denn das Immergut ist 2010 tatsächlich erstmals seit vielen vielen Jahren – ich selbst hatte dies noch nie erlebt – nicht ausverkauft.

Wieder einmal wird auf die bewährte Sascha & The Buried-Kiel-Crew um Tim, Tine und Offi gesetzt, wieder einmal entschließen wir uns für die Odyssee-esque Anreise mit der Deutschen Bahn mit Umstiegen in den vier wohl schönsten Üs Deutschlands: Lübeck, Büd Kleinen, Güstrow, Bützow. Bereits im Bummelzug durch Schleswig-Holstein zeigt sich, dass dieses Quartett nichts von seinem ihm angeborenen Charme verloren hat: Sascha freut sich über griechische Restaurants, Seen und Pferde, die vorbeirauschen. Offi findet letztere lecker und vergleicht Bahn- mit Schiff- und Skifahren. Und Tim hat die monatelange Vorbereitung in so große Kalauer wie „Plön ist schön“ investiert. Hammer! Nur manchmal sind wir alle gleichzeitig still. Dann bekommt man notgedrungen mit, was andere Menschen so während der Bahnfahrt reden – beispielsweise ein paar (pre-?)pubertäre Mädels einer Schulklasse, von denen wir allerdings nur Bruchstücke mitbekommen. Eins davon war: „... und wenn wir dann heiraten würden, würde ich mit Nachnamen Muschi Penis heißen.“ Das Schlagwort des Immergutrocken 2010 war damit geboren.

Da im Jahre 2010 aber alles anders ist, verpassen wir erstmals einen Anschlusszug, weil im Regionalzug von der nichthübschen Landes- in die hübsche Nichtlandeshauptstadt kein Bahnangestellter zugegen war, den man darum anbetteln konnte, den Anschlusszug ein Minütchen warten zu lassen. So sehen wir am Lübecker Bahnhof noch durch ein Fenster, wie sich unser Anschluss ohne uns und auch die andere Kieler Immergutgruppe um Matze und Kadda in Bewegung setzt. Dank einer App in Tims Hightech-Handy erfahren wir, dass Neubrandenburg irreführenderweise in Mecklenburg-Vorpommern liegt und wir daher mit unserem Schleswig-Holstein-Ticket eine neue Route nehmen können, bei der wir uns zwei Umstiege sparen können. Kostenpunkt: Zwei Stunden Verspätung.

Natürlich sind wir erst einmal angefressen, ausgebrannt, ja geradezu ausgeneubrandenburgt, dass wir in Lübeck zu einer Stunde Zwangsaufenthalt gezwungen werden. Aber wir machen das Beste draus und trinken erst einmal unser erstes Bier. Wir entschließen uns dazu, die Pfanddosen in den Müll zu schmeißen, weil sich kein geeigneter Abstellplatz für Pfandsammler am Bahnhof finden lässt. Wenige Sekunden später sehen wir dann einen Mann mit Gehwagen, der eben diesen Mülleimer durchsucht und unsere dummerweise zerdrückten Dosen wieder heraussammelt. Natürlich hätte er uns ja schon vorher nach den Dosen fragen können, aber dennoch beschleicht uns ein leicht schlechtes Gewissen, was dadurch, dass eine Nonne den Herrn kurz darauf anspricht und ihm ihre Hilfe anbietet, nicht gerade erleichtert wird. Unsere gute Tat zur Gewissensbisstilgung passiert aber nur wenig später: Wir nehmen einen Mann auf unserem Schleswig-Holstein-Ticket mit nach Bad Kleinen, damit dieser dort seine eigene gute Tat vollbringen kann. So sind wir: Wir haben extra nicht mehr Freunde, damit wir noch einen Platz im Notfall auf dem Ticket frei haben.

Der Rest der Fahrt verläuft glücklicherweise unspektakulär, und auch der letzte Umstieg vom Neustrelitzer Bahnhof zum Festivalgelände verläuft reibungslos. Mit Beruhigung stellen wir fest, dass der Großteil der Mitbahner bereits beim volleren und insgesamt asigeren Zeltplatz abbiegt und der idyllischere, schönere, bessere Zeltplatz neben der Post noch immer eher einen Geheimtipp darstellt. So beziehen wir wieder unseren Stammplatz und genießen es, dass die Zelte wie immer nicht so dicht an dicht stehen wie „drüben“. Dass es während des Zeltaufbaus zu schütten beginnt, was den dummen Sascha aber nicht davon abbringt, unbedingt noch den als Hintereingang fungierenden Haupteingang bis zum Ende aufzubauen, statt sich ins trockene Zelt zu retten, sei noch als Randnotiz genannt. Nach dem Schauer gibt’s noch ein Ankunftsbier, um dann das Wegbier zu öffnen – auf dem Weg zum Festivalgelände, denn es gilt, die ersten Bands zu begutachten.

Sonntag, 2. Mai 2010

Kieler Woche 2010 [Spezial]

KiWo2010Das Programm in diesem Jahr ist wirklich mehr als mies, aber immerhin gibt es einen Auftritt von Selig am 22. Juni. Also Grund genug, zumindest einen Abend wegzugehen. Vielleicht noch zu Illegal 2001 am Freitag. Und wer weiß: Möglicherweise steckt hinter dem "t.b.a." am Mittwoch auf der "Unser Norden"-Bühne ja doch noch jemand Gutes.

Ich habe mir trotz des ernüchternden Bühnenprogramms mal die Mühe gemacht und die wichtigsten Bühnen der Kieler Woche 2010 in einer Tabelle zusammengefasst.

Das Ganze gibt es hier zum Herunterladen und Ausdrucken:

Montag, 21. Dezember 2009

cappuis 50 Lieblingsalben von 2000 bis 2008 [Top 50]

Große Musik des aktuellen Millenniums: Hier noch einmal - diesmal in alphabetischer Reihenfolge - im Überblick die 50 Alben, die mich persönlich am meisten prägten und mir persönlich am besten gefielen.

Das Jahr 2009 hielt auch schöne Musik parat, aber ich brauche immer mindestens ein Jahr, bis ich die Halbwertszeit eines Albums endgültig einschätzen kann. Daher hab ich die jetzt erst einmal weggelassen, meine zehn Lieblingsalben des Jahres seht ihr aber in der linken Spalte unter "Musikliste". Ich hätte die Liste mit den 50 besten Alben der 00er also besser nächstes Jahr schreiben sollen? Stimmt schon. Aber ich hatte grad Zeit...



Wer die Cover nicht alle kennt: Hier noch einmal ohne Bebilderung, ebenfalls in alphabetischer Reihenfolge:
  1. Aereogramme - My Heart Has A Wish That You Would Not Go (29. Januar 2007)
  2. Arcade Fire - Funeral (14. September 2004)
  3. Biffy Clyro - Puzzle (4. Juni 2007)
  4. Brand New - The Devil And God Are Raging Inside Me (20. November 2006)
  5. Bright Eyes - Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground (13. August 2002)
  6. Cold War Kids - Robbers & Cowards (10. Oktober 2006)
  7. Dashboard Confessional - The Places You Have Come To Fear The Most (20. März 2001)
  8. Death Cab For Cutie - Transatlanticism (7. Oktober 2003)
  9. Dredg - Catch Without Arms (21. Juni 2005)
  10. Dredg - El Cielo (8. Oktober 2002)
  11. Dresden Dolls, The - Yes, Virginia (21. April 2006)
  12. Elliott - False Cathedrals (22. August 2000)
  13. Feeder - Comfort In Sound (21. Oktober 2002)
  14. Frevert, Niels - Du kannst mich an der Ecke rauslassen (29. Februar 2008)
  15. Friska Viljor - Bravo! (13. Oktober 2006)
  16. Get Cape. Wear Cape. Fly - The Chronicles Of A Bohemian Teenager (18. September 2006)
  17. Idlewild - 100 Broken Windows (9. Mai 2000)
  18. Jets To Brazil - Four Cornered Night (29. August 2000)
  19. Juliana Theory, The - Emotion Is Dead (29. August 2000)
  20. Kent - Du & Jag Döden (15. März 2005)
  21. kettcar - Du und wieviel von deinen Freunden (28. Oktober 2002)
  22. Klez.E - Flimmern (18. August 2006)
  23. Knyphausen, Gisbert zu - Gisbert zu Knyphausen (25. April 2008)
  24. Kweller, Ben - Sha Sha (5. März 2002)
  25. Locas in Love - Saurus (9. Februar 2007)
  26. Malajube - Trompe L'Oeil (Februar 2006)
  27. Mando Diao - Bring 'Em In (26. August 2003)
  28. Mary Onettes, The - The Mary Onettes (25. April 2007)
  29. Maxïmo Park - A Certain Trigger (16. Mai 2005)
  30. Modest Mouse - Good News For People Who Love Bad News (6. April 2004)
  31. Nada Surf - Let Go (17. September 2002)
  32. New End Original - Thriller (2. Oktober 2001)
  33. Okkervil River - Black Sheep Boy (5. April 2005)
  34. Ours - Precious (5. November 2002)
  35. Palmer, Amanda - Who Killed Amanda Palmer (26. September 2008)
  36. PeterLicht - Lieder vom Ende des Kapitalismus (28. April 2006)
  37. Rice, Damien - O (1. Februar 2002)
  38. Rival Schools - United By Fate (28. August 2001)
  39. Robocop Kraus, The - They Think They Are The Robocop Kraus (20. Juni 2005)
  40. Scut - This Is How It Feels When You Stumble (4. Mai 2007)
  41. Sea Wolf - Leaves In The River (25. September 2007)
  42. Shins, The - Chutes Too Narrow (21. Oktober 2003)
  43. Superpunk - Wasser Marsch! (5. Februar 2001)
  44. Tomte - Hinter all diesen Fenstern (28. April 2003)
  45. Vogel, Maike Rosa - Golden (5. Dezember 2008)
  46. Voltaire - Heute ist jeder Tag (17. März 2006)
  47. Votolato, Rocky - Suicide Medicine (16. September 2003)
  48. Voxtrot - Voxtrot (22. Mai 2007)
  49. Weakerthans, The - Left And Leaving (25. Juli 2000)
  50. Youth Group - Skeleton Jar (22. März 2004)

Maike Rosa Vogel - Golden (5. Dezember 2008) [Top 50]

MaikeRosaVogelSo ein bisschen das Gisbert-Prinzip: Maike Rosa Vogel? Was für ein selten dämlicher Künstlername. Und noch dazu hört ausgerechnet dieses durchgeknallte Mädel aus dem GHvC-Forum diese Maike. Dann kann das ja nicht gut sein!

Glücklicherweise folgte Anfang Dezember 2008 eine Rezension bei plattentests.de - und ich wurde hellhörig. Wie auch Konstantin Gropper von Get Well Soon war Frau Vogel an der Popakademie Mannheim eingeschrieben, zusammen machten die beiden auch schon Musik als The Grand Mirage. Nun bildet Maike Rosa Vogel das Gegenstück zu Groppers Folk - weiblich, auf deutsch, mit etwas mehr Elektroeinschlag. "Electrofolk" nennt die Berlinerin dies dann auch folgerichtig. Kein Album, keinen Künstler habe ich so oft am Stück gehört wie Maike Rosa Vogel um den Jahreswechsel 2008/09 herum. Und nein, ich habe "Golden" noch lange nicht totgehört. Vermutlich wird dies auch nie passieren.

Im nächsten Jahr folgt dann übrigens das zweite Album, vermutlich noch mit deutlich weniger Pluckereien. Steht ihr aber gut, der Maike. Und dieses durchgeknallte Mädel aus dem GHvC-Forum? Mit dem bin ich jetzt seit acht Monaten glücklich zusammen...

Amanda Palmer - Who Killed Amanda Palmer? (26. September 2008) [Top 50]

AmandaPalmerAmanda Palmer ist bekanntlich eine Hälfte der Dresden Dolls. Als es hieß, sie würde ein Soloalbum veröffentlichen, war ich zunächst skeptisch. Als ich dann aber hörte, Ben Folds würde es produzieren, war ich gleich sehr aufgeregt. Und tatsächlich: Ihr Solodebüt klingt wie eine Mischung aus beiden Welten. Musikalisch nicht ganz so wahnsinnig wie die Dresden Dolls manchmal, dafür noch pianolastiger. Die Texte spielen teilweise eh in einer eigenen Liga.

Und dazu: Die Videos! Zu jedem Song auf dem Album hat Amanda Palmer eins gemacht und diese größtenteils schon vor der Albumveröffentlichung auf youtube präsentiert. Toll toll toll! Bitte mehr davon bald, Frau Palmer.

Gisbert zu Knyphausen - Gisbert zu Knyphausen (25. April 2008) [Top 50]

GisbertFür Gisbert brauchte ich lange. Im Grunde viel zu lange. Irgendwie wollte ich mich zunächst auch gar nicht reinhören in die Musik dieses Hamburgers, der urplötzlich der neue heiße Scheiß im Forum war. Ausgerechnet der Gisbert, dessen Konzerte im Prinz Willy ich zu kiel4kiel-Zeiten schon immer ankündigen durfte, sollte nun der neue Messias sein? Das konnte und wollte ich mir auch nicht vorstellen.

Aber nungut: Irgendwann wird man schwach und bekommt ein paar Lieder zum Anhören geschickt. Es klickte ein bisschen, aber noch nicht komplett. Es reichte aber, um mir eine Konzertkarte für Gisberts Konzert in Rendsburg zu kaufen. Und das war so großartig! Nur mit einem Album im Gepäck spielte er rund zwei Stunden auf, unter anderem auch Coverversionen von Bands, die auf dem von ihm einst ins Leben gerufenen Künstler-Netzwerk Omaha Records heimisch sind. Tolle Texte, tolle Mitmusiker auch, die ihre Instrumente zu beherrschen wissen. Und auch die neuen Lieder klingen alle sehr verheißungsvoll. Den Gisbert behalten wir mal im Auge!

Niels Frevert - Du kannst mich an der Ecke rauslassen (29. Februar 2008) [Top 50]

NielsFrevertEs war Mitte der 90er Jahre und MTV zeigte noch Musikvideos. Allerdings fast keine von aufstrebenden deutschen Bands, bis plötzlich die Sterne, Selig und eben auch die Nationalgalerie punkten konnten. Warum auch immer. Letztere hatten ihren Song "Evelin" ins Rennen geschickt. Ich mochte ihn. Mehr damals noch nicht. Auf dem Soundtrack zu "Das wahre Leben" - einer deutschen Version von "The Real World" - tauchte außerdem "Himmelhochjauchzend" auf, was ich deutlich besser fand. Das Album "Indiana" kaufte ich trotzdem nicht, und auch nicht den Nachfolger "Meskalin", viertes und letztes Album der Band.

Als sich Nationalgalerie 1996 auflösten, dauerte es nicht lange und der Sänger Niels Frevert machte solo weiter. Und er begann genau dort, wo die Nationalgalerie aufhörte. Allerdings folgte nach seinem Debüt eine sechsjährige Flaute, ehe Frevert mit "Seltsam öffne mich" endlich wieder ein Album veröffentlichte bei Tapete Records. Das Werk hätte es auch beinahe in diese Liste geschafft, immerhin ist es wirklich super. Aber die Songs funktionieren live deutlich besser als auf Platte, wo sie manchmal doch noch zu sehr nach Bandsound klangen. Bestes Beispiel: Der Titeltrack, der in einer Solo-Liveversion auf einem "Müssen alle mit"-Sampler erschien und eben so viel besser rüberkommt.

Dies hat offenbar auch Niels Frevert bemerkt, der sich wieder einmal fünf Jahre Zeit ließ und uns dann am Schalttag des 29. Februars 2008 neun neue Lieder schenkte. Und was für welche! Es ist schon fast Kammermusik, so zurückhaltend zupft der Hamburger seine Gitarre. Unterlegt ist das alles von Streichern. Großes Hach-Potential! Da verzeiht man dem Frevert auch, dass das Album nur so kurz ist - und hofft, dass es nicht erst 2013 neue Lieder von ihm geben wird.

Sea Wolf - Leaves In The River (25. September 2007) [Top 50]

SeaWolfStell dir vor, du bist Teil einer Band kurz vor dem Durchbruch, schreibst fleißig Lieder für diese Band, doch die sagt dir einfach, dass deine Lieder nicht zum Stil passen. Die einzige Möglichkeit, sein Ego zu retten, ist: Diese Lieder selbst und solo zu spielen.

Dies tat Alex Brown Church von der Band Irving. Er blieb Irving treu, aber sammelte sich ein paar Musiker zusammen, mit denen er fortan unter dem Namen Sea Wolf für Furore sorgen wollte. Mittlerweile spricht von Irving niemand mehr, Sea Wolf hingegen sind zumindest in den Staaten mit ihrem Indiefolkrock höchst angesagt. Das erkennt man ja allein schon daran, dass Sea Wolf einen Song zum neuen Twilight-Soundtrack beisteuern durften.

Das bessere zweier toller Alben darf hier somit nicht fehlen: "Leaves In The River". Ein Album, bei dem man schon am Cover erkennt, dass die Musik einen in einem kalten Winter von innen wärmen kann.

Biffy Clyro - Puzzle (4. Juni 2007) [Top 50]

BiffyClyroWas waren wir im Weezer-Forum im Herbst 2001 alle enttäuscht: Wegen der 9/11-Terroranschläge hatten Rivers Cuomo und Co. plötzlich akute Angst, nach Europa zu fliegen. Die Tour auf dem alten Kontinent - u.a. auch das Konzert in der Großen Freiheit, für das ich eine Karte besaß - wurde abgesagt, stattdessen tourte die Band dann noch einen Monat länger durch die Staaten. Dort waren sie eh erfolgreicher. Seitdem gierten wir mehr denn je nach Weezer-Konzerten in Europa, und als die Band dann irgendwann im Frühjahr 2002 einen Auftritt in Glasgow bekanntgab, gerieten nicht wenige in Versuchung, einen Flug dorthin zu buchen. Vorband übrigens: eine völlig unbekannte, einheimische Band namens Biffy Clyro.

Ich entschied mich gegen den Flug, aber für Biffy Clyro. Das erste Album "Blackened Sky" wusste in den Endwehen des Emo-Wahns noch einmal zu überzeugen, die vorherigen EPs und vor allem das unglaublich tolle, niemals auf Album veröffentlichte "Hope For An Angel" gefielen mir aber noch mehr. Es folgten zwei weitere Alben der Schotten in den folgenden Jahren, die ich jeweils gleich am Veröffentlichungstag shoppte, aber die mich beide nicht vollkommen zufriedenstellen konnten. Zwar waren da großartige Lieder bei, aber insgesamt schien die Band ein bisschen zu experimentierfreudig und "zu prog" für mich zu sein. Als die Band dann aber einen Major-Plattenvertrag unterschrieb, war ich wieder ganz Ohr. Und tatsächlich: Auf "Puzzle" waren Biffy Clyro zwar keineswegs glattgebügelt, aber schon radiotauglich eingeeicht worden. Tolle Hymnen und mit "Machines" eine wahnsinnig tolle Ballade am Ende. Dazu noch - für uns Anspruchsvolle - eine Melodie, die sich in zwei "Interludes" aufbauscht und sich letztlich im Song "9/15ths" endlich entladen darf. Natürlich mit Streichern, Chören und allem PiPaPo. Das neue Album, das dieses Jahr erschien, klingt übrigens die ganze Zeit so, kann aber mit "Puzzle" keineswegs mithalten.

Voxtrot - Voxtrot (22. Mai 2007) [Top 50]

VoxtrotAuch Voxtrot waren wieder so ein Internet-Blogger-Phänomen. Die Band wurde schon nach drei EPs so in den Himmel gelobt, dass man schon wusste, was kommen würde: Der Longplayer würde den hohen Erwartungen der Blogosphäre nicht standhalten können. Wenn man aber diesen Hype nicht so recht mitgemacht hatte, sondern sich erst anhand des selbstbetitelten Debüts mit der Band auseinandersetzte, blieb dann doch ein ganz ganz starker Gesamteindruck übrig. Ob schnellere Stücke wie "Kid Gloves" und "Firecracker" oder aber die mit Streichern unterlegte Pianoballade "Real Life Version" - insgesamt ist das eben doch ganz großes Cricket von Frontmann Ramesh Srivastava und seinen Mitstreitern.

Ubnd live durfte ich die Band auch sehen, damals da im Hamburger Molotow. Da gab es dann auch Songs von den alten EPs zu hören, die in der Tat im Schnitt noch einen Tick besser sind.

Sonntag, 20. Dezember 2009

Scut - This Is How It Feels When You Stumble (4. Mai 2007) [Top 50]

ScutZu Scut kann ich nun wirklich kaum etwas erzählen, und manchmal frage ich mich, ob diese Band überhaupt existiert. Aufmerksam geworden durch eine Plattentests-Rezension, bei der die Wiesbadener mal eben so mit Nada Surf verglichen wurden. Richtig bei Songs wie dem Opener "This Thinly Veiled Metaphor" oder aber der Hymne "Over And Out". Bei schnelleren Stücken wie beispielsweise "Summer's Gone" klingen Scut eher wie Ash zu "Free All Angels"-Zeiten - also zu guten Ash-Zeiten. Insgesamt hält "This Is How It Feels When You Stumble" zehn Indiepop-Perlen bereit und liefert keinerlei Aussetzer.

Äußerst mangelhaft bei der Band ist jedoch die Internetpräsenz. Okay, sie haben eine Homepage, aber diesw scheint seit zwei Jahren nicht aktualisiert worden zu sein. Ähnlich sieht's auf myspace aus. Und Musikvideos? Bei youtube findet man rein gar nichts, nicht einmal einen Livemitschnitt. Gerüchte besagten, dass die Band noch 2009 eine EP veröffentlichen würde. Aber woher diese stammen? Keine Ahnung. Es scheint fast so, als wenn Scut wirklich nur ein kleines Hobby von ansonsten fest im Berufsleben stehenden Musikern ist. Umso erstaunlicher, dass so eine tolle Musik bei herauskommt.

The Mary Onettes - The Mary Onettes (25. April 2007) [Top 50]

TheMaryOnettesIn den Jahren 2006/07 war ich sehr im Labrador-Wahn. Labrador, das ist ein Label aus Schweden mit fast ausschließlich einheimischen Indiebands. Und das Schöne: Viele dieser Bands machten am Ende ihrer Deutschland-Tourneen zum Abschluss im Kieler Nachtcafé (bzw. Blauer Engel) Station, weil sie dann mit der Fähre zurück in ihre Heimat fuhren. Eines der wenigen Privilegien von Kiel, konzerttechnisch gesehen.

Speerspitze dieser Bands waren für mich letztlich The Mary Onettes, die ein zauberhaftes Konzert im Blauen Engel spielten, aber bereits vorher mit zwei EPs und eben diesem Album mein Herz eroberten. Sehr düster-melancholische Rockmusik, die sich sehr an den 80ern orientiert. Das neue Album "Islands" ist übrigens auch nicht schlecht, verfehlt aber den Vorgänger an Intensität aber doch um Längen.

Locas in Love - Saurus (9. Februar 2007) [Top 50]

LocasInLoveHachja, die Locas: "(Verspätetes Lied für) Laura" wurde einst ausm Netz heruntergeladen und doch wieder vergessen. "Wartezimmer" tauchte Jahre später auf einem kleinen Sampler auf. Aber erst mit der "Affe & Reh EP" blieben die Locas In Love endgültig bei mir hängen. Dass sie es nicht auf meinen Jahressampler 2006 schafften, lag einzig und allein an meiner Festplatte, die Anfang Dezember 2006 ihren Geist aufgab und die bestellte EP erst Anfang 2007 in meinem Briefkasten aufschlug.

Aber 2007 war dann auch das "Saurus"-Jahr schlechthin. Ein Album, das auch heute noch mit jedem Hördurchgang zu gewinnen vermag. Ganz ganz viele Songs, allen voran der Opener "Sachen", sprechen mir so aus der Seele. Eine unheimlich sympathische Band aus Köln, die Americana, Folk- und Indierock unter einen Hut packt. Im letzten Jahr folgte ein Winteralbum, im nächsten soll es dann endlich das dritte reguläre Studioalbum geben. Die Erwartungen sind hoch.

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