Mittwoch, 28. Juli 2010

Seabear und das IPad [Musik]

Eins steht mal fest: In der Werbebranche sitzen offenbar eine Menge sehr geschmackssicherer Menschen, was Musik betrifft. Anders lässt es sich wohl kaum erklären, dass sich so manche LoFi-Indie-Songwriterperle als Hintergrundbeschallung in TV-Spots wiederfindet. So sehr es einen auch für den Künstler freut, wenn er durch die Nutzung seines Songs ein paar Monate lang seine Miete problemlos zahlen kann, so sehr läuft man als Musikfan allerdings auch Gefahr, dass man das Lied – und manchmal noch viel schlimmer: den Künstler – ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr ertragen kann. Dabei kommt es aber auch immer drauf an, wer denn bitteschön der Werbekunde ist.

Bestes Beispiel: Lisa Mitchells „Neopolitan Dreams“, welches im letzten Jahr erschreckenderweise für die deutsche Telekom Pate stehen musste. Nun ist Lisa Mitchell als Gewinnerin einer australischen Castingshow per se schon ein schwieriger Fall, aber damit konnte ich mich noch arrangieren. „Neopolitan Dreams“ hinterlässt aber seitdem einen faden Beigeschmack bei mir.



Der TV-Spot für NIKON-Digitalkameras hingegen benutzt das traumhaft schöne „Welcome Home“ von Radical Face. Hinter dem Bandnamen steckt mit Ben Cooper übrigens eine Hälfte des in Europa bekannteren Indielectro-Projekts Electric President. Das Lied werde ich auch weiterhin lieben können.



Ähnliches gilt auch für den Song „One, Two... One“ von Eric Elbogens Band „Say Hi (Yo Your Mom)“, welcher in der aktuellen Cadillac-Reklame läuft. Die Band kennt man hierzulande fast gar nicht, denn von den bislang sechs tollen Alben erschien in Europa nur ein einziges via Devilduck Records. Sehr schade.



Bei „You Always Make Me Smile“ von Kyle Andrews muss ich erst noch abwarten, ob mir der Song nicht vielleicht irgendwann aus dem Hals heraushängen wird. Unterschied zu den oben genannten Liedern ist hier aber schon einmal, dass ich weder den Sänger noch seinen Song vor der Werbung kannte.



Oftmals werden Lieder aber auch eigens für Werbespots „komponiert“: Als Grundlage wird einfach ein bereits existenter Song genommen und dieser an einigen wenigen Stellen verändert. Ich komme leider gerade nicht drauf, aber es existiert beispielsweise ein Song, der sowas von abgekupfert ist von Madonnas „Ray Of Light“. Ich dachte bislang, dass der Originalkünstler bei solchen offensichtlichen Kopien immerhin auch noch ein bisschen Geld bekommt. Aber wie ich vor wenigen Tagen gelesen hab, scheint dies nicht immer der Fall zu sein: Die isländische Indieband Seabear wunderte sich via Facebook sehr über die aktuelle IPad-Werbung: Im Hintergrund laufe doch zu Beginn eindeutig deren 2007er Song „I Sing I Swim“. Ich hörte schnell mal rein via Winamp und konnte den Unmut Seabears schon verstehen. Aber hört selbst: Hier die aktuelle IPad-Werbung:



Und hier das Video zu Seabears „I Sing I Swim“:



Verblüffenderweise scheint Apple nicht nur die Musik geklaut zu haben, denn Seabear präsentieren in ihrem Video sogar so etwas wie den Prototyp des IPad – nur, dass dieser sogar noch zusammenklappbar ist.

Samstag, 10. Juli 2010

Green Day - Dookie [Jugendsünden]

Es waren die 90er – eine Zeit, in der es oben im dritten Stock des LEIK, welches damals noch Förde-Einkaufszentrum (FEZ) hieß, einen großen Musikladen namens WOM gab. 1994 waren die Musikkassetten und Langspielplatten fast vollständig aus der „World Of Music“ verbannt worden, die Filiale bestand aber noch immer aus der selben, großen Fläche wie vor dem Ende des Vinyl-Zeitalters. Es war die goldene Zeit für junge Musiknerds wie mich, denn WOM hatte so ziemlich jedes Album auf Lager oder konnte es notfalls binnen weniger Tage an die Förde holen – inklusive Japan- und Australien-Importen. In der heutigen Zeit lacht man drüber, aber damals war das schon der Wahnsinn. Statt über myspace hörte man halt bei WOM in die CDs rein, die einen interessierten, und lernte neue Bands dadurch kennen, dass man einfach mal einen der vielen Kopfhörer aufsetzte, die in etwa Zwei-Meter-Abständen über allen Regalen hingen.

DookieIn manch ein Album hörte man auch einfach nur rein, weil einem das Cover besonders auffiel. „Dookie“ von der Band Green Day war eins davon. Es war Juli 1994, und dieses bunte Comic-Szenario einer von Bomben erschütterten Stadt fiel mir eines Nachmittags ins Auge. Ich hörte rein und passierte das, was viel zu oft passiert, wenn man das erste Mal in ein Album reinhört: Es gefällt einem nicht. Rückblickend ist es zwar gerade bei dem melodiösen 08/15-Poppunk, den Green Day auf ihrem Breakthrough-Album anboten, sehr verwunderlich, dass ich dafür mehr als einen Versuch brauchte. Aber es lag vielleicht daran, dass ich solche Musik zuvor nie hörte. Dieses Pseudo-Punkrevival befand sich halt noch ganz am Anfang, von The Offspring und Rancid hatte ich bis dahin – wie so ziemlich jeder – nie etwas gehört. Und selbst bereits in der Szene arrivierte Bands wie Bad Religion und NOFX kannte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, muss ich zu meiner Schande geschehen. Auch Green Day schienen keine Zukunft in meinem musikalischen Kosmos zu haben, denn nach drei oder vier Liedern von „Dookie“ wechselte ich bei WOM bereits den Kopfhörer.



Doch nur wenige Tage später änderte sich dies. Ich stand sonntags damals immer schon früh morgens auf, denn dort lief auf MTV immer die Chartshow „US Top 20“. Diese Sendung hatte das europäische MTV direkt aus den USA importiert, und dies hatte den riesigen Vorteil, dass man dort in den Charts Bands zu sehen bekam, die man in Europa gar nicht kannte. Zudem waren diese Charts von MTV völlig anders als die offiziellen, von R'n'B beherrschten Billboard-Charts, denn hier hatten auch Alternative-Bands durchaus die Chance, die Spitze zu erklimmen. Und an diesem verdammten Sonntag irgendwann Ende Juli 1994 stieg „Long View“ auf Platz 19 ein, und ich war ab dem zweiten Chorus endgültig gefangen von dem Song. Mit Laut/leise-Spielereien konnte man mich schon immer begeistern, das klappt auch heute noch. Gleich am nächsten Tag fuhr ich in die Stadt, um bei WOM nach dem Album der Band Green Day zu fahnden und „blind“, also ohne Vorhören, zu kaufen. Erst als ich das Cover im Regal vor mir sah, fiel mir ein, dass ich dort ja zuvor schon einmal reinhörte. Daher entschied ich mich dann doch gegen einen Blindkauf, jedoch gefiel mir „Dookie“ nun – mit diesem einen „Hit“ im Hinterkopf – deutlich besser, weshalb ich es für läppische 34,99 DM kaufte. Das war damals neben 32,99 DM der Standardpreis bei WOM, und eigentlich hat man diesen Laden wirklich nur zum Anhören von Musik benutzt, um dann für die endgültige Anschaffung des Tonträgers zu Brinkmann, Karstadt oder aber natürlich Blitz Records zu juckeln. Aber ich sah bei Green Day keine Möglichkeit, dass eins der anderen Geschäfte diese CD im Angebot haben würde.



Einige Monate später gab's „Dookie“ dann überall. Die zweite Single „Basketcase“ katapultierte das Trio in höchste Chartsphären. Während sich dann sogar die Mainstream-Hörer meines Jahrgangs das Album zulegten, war ich schon fast wieder weg davon, mein Weg führte mich über die ungebügelteren Frühwerke Green Days hin zu den deutlich rotzigeren Rancid. Eine der schönsten Erinnerungen an diese Zeit hat aber unumstößlich mit diesem Album zu tun. Die ersten Mitschüler aus meinem Jahrgang – in erster Linie diejenigen, die schon mal eine Ehrenrunde drehten – wurden volljährig und bestanden ihren Führerschein. Der allererste von ihnen war Olli, mit dem wir eines Tages zu fünft zu einem Volleyballspiel fuhren. Nicht, dass wir selbst gespielt hätten, aber in unserem Jahrgang spielten viele Mädels zusammen in einer Mannschaft, unter ihnen auch Ollis damalige Freundin. Ich habe keine Ahnung mehr, wo dieses Spiel stattfand (und noch viel weniger, wie das Spiel ausging...), aber es war definitiv noch innerhalb Kiels. Von daher dürften wir auch gar nicht lange unterwegs gewesen sein. Auf der Hin- und Rückfahrt aber drehten wir die „Dookie“ auf und rockten ab, wie wir es aus dem Film „Wayne's World“ zum Lied „Bohemian Rhapsody“ kannten.



Und Green Day? Die gibt’s bekanntlich immer noch, und ich habe mir auch alle ihre späteren Alben gekauft. Mit „Good Riddance“ hatten sie noch einmal einen kleinen Akustikgitarren-Hit und mit „Warning“ ein fantastisches 60s-Pop-Album hingelegt. Und dann kam der richtig große Erfolg mit der Punk-Oper „American Idiot“. Das war schon lange nicht mehr meins, aber man muss der Band schon zu Gute schreiben, dass sie sich noch einmal weiterentwickeln konnte. Mindestens das. Die 90er Jahre ohne Green Day? Ich wäre jetzt ein – wenn vermutlich auch nur geringfügig – anderer Mensch.

Dienstag, 29. Juni 2010

The Coalminers' Beat – The Coalminers' Beat [Jugendsünden]

The Coalminers' Beat. Eine Band, die so gar nicht in mein damaliges musikalisches Raster fiel und in mein heutiges noch viel weniger. Wie es genau dazu kam, dieser Gruppe zu verfallen, kann ich heute auch nicht mehr zu hundert Prozent nachvollziehen. Auf jeden Fall hatte ein junger privater Radiosender – „jung“ im Sinne von „gerade erst 'on air' gegangen“ – einen nicht unerheblichen Anteil daran.

CMBEs war 1993, und analoge UKW-Radiosender benötigte man damals etwa genau so wenig für musikalische Weiterentwicklung wie heutzutage. Während man nowadays das Internet hat, so schaute man damals MTV, um sich über neue Musik zu informieren. Ja, die spielten damals tatsächlich fast ausschließlich Musik und hatten obendrein mit Ray Cokes' Show „Ray's Request“ (später „Most Wanted“) auch noch die unterhaltsamste Abendshow in der Glotze. Erschwerend für den Faktor „Radio“ kam hinzu, dass es in Schleswig-Holstein zu diesem Zeitpunkt für populäre, zeitgenössische Musik lediglich NDR 2 und den Privatsender R.SH gab, die sich – zumindest in dieser Zeit – beide in Sachen Einfallslosigkeit nicht viel nahmen.



Dies sollte sich zum 1. Juli 1993 aber schlagartig ändern, zumindest wurde es einem damals weisgemacht: Mit „Alpha Radio“ startete der zweite Privatsender im Land und wollte ursprünglich besonders Freunde des abgehangenen Altherrenrocks an die Transistoren zurückholen. Schon nach wenigen Wochen wurde diese Nische ein wenig erweitert, weil den Betreibern offenbar recht schnell klar wurde, dass das Zielpublikum ansonsten äußerst überschaubar bleiben dürfte. Für mich war das noch immer nichts, aber ich hörte pflichtbewusst dennoch ab und an rein. Und andauernd lief ein Lied namens „Land Of Green“ von ebendieser Band „The Coalminers' Beat“. Rockmusik mit klaren Irish-Folk-Anleihen, oder kurz gesagt: Pfadfindermusik. Aber nicht nur den Fritzen des Senders, der sich aufgrund einen Namensstreits bald in „Delta Radio“ umbenennen musste (aber noch einige Zeit davon entfernt war, ins Rot-Schwarze zu wechseln und „den besten Rock-Pop des Nordens“ zu spielen), gefiel dieses Lied, sondern sowohl mir als offenbar auch den anderen fünf bis zehn Hörern. Zumindest R.SH übernahm „Land Of Green“ wenig später ins Programm und lud die aus der Nähe von Stuttgart kommende Band zur Kieler Woche 1994 ein.



Nein, auf dem Konzert war ich nicht mit dabei. Sehr wohl aber eine Gruppe Pfadfinder, von denen ich zwei Personen kannte, weil sie halt in meinem Jahrgang waren statt wie die anderen auf der Waldorfschule. Klingt nach bösem Seitenhieb, war aber so. Auf jeden Fall kam ich irgendwann auch nicht mehr an der Band vorbei und kaufte mir das selbstbetitelte Album. Im Gegensatz zu „Land Of Green“ sind die meisten Songs darauf noch deutlich folklastiger und von Geige, Akkordeon und anderen eher Charts-untypischen Instrumenten ummantelt. Und: Die meisten Songs wurden von einem anderen Sänger namens Gregor intoniert. Die schnellen „Give Me A Kiss“ und „Mexico“ sowie das ruhige „The Ballad Of Belly O'Connor“ wurden Songs, die ich die ganzen 90er Jahre über sehr liebte.

Bereits 1995, bevor ich die Band zum ersten Mal live erlebte, folgte mit „Colourblind“ das Nachfolgealbum. The Coalminers' Beat hatten sich offenbar an die Forderung von Sony gehalten, die neuen Lieder alle mehr im Stile von „Land Of Green“ zu halten. Mit anderen Worten: Die neuen Stücke waren alle deutlich rockiger, die Geige ertönte zumeist nur noch im Hintergrund, und Sänger Gregor hatte nichts mehr zu tun, weil nun Rocker Stefan Meissel alles singen durfte. Somit kein Wunder, dass Gregor die Band ein Jahr später verließ.



Bei meinem ersten Miners-Konzert war er aber noch dabei. Die Band spielte aber natürlich hauptsächlich Lieder vom zweiten Album, welches ich rückblickend gar als das bessere bezeichnen würde. Damals aber nicht. Vielleicht war ich da auch schon unter dem bösen Einfluss der bereits oben erwähnten Pfadfindergruppe, mit der ich in den folgenden Monaten noch öfter zu tun bekam. Nach dem Konzert trug ich mich auch in eine Liste für den Newsletter der Band ein, wodurch mir die Post etwa alle sechs Monate einen Brief brachte – Internet gab's anno 1995 ja noch nicht so wirklich. Durch die Newsletter erfuhr ich dann vom Ausstieg Gregors, vom Ende des Plattenvertrags mit Sony und davon, dass The Coalminers' Beat gar nicht die große, erfolgreiche Nummer waren, für die ich sie hielt. Denn während die Band in Kiel auch in den Folgejahren immer wieder vor 500 bis 1.000 Leuten spielten, wohnten ihnen außerhalb Kiels und ihrer Heimat nur rund ein Zehntel so viele Zuschauer auf ihren Konzerten bei. Ich sah The Coalminers' Beat noch einige Male live, zuletzt 1999, als sie ein riesiges Jubiläumskonzert spielten, bei dem dann auch Gregor sowie viele andere, irgendwann ausgestiegene Musiker mit dabei waren und bei dem auch vielerlei Klassiker vom ersten Album gespielt wurden.

2001 lösten sich The Coalminers' Beat nach zweieinhalb weiteren Alben auf. Ich erfuhr aber erst einige Jahre später davon.

Montag, 28. Juni 2010

Roxette - Joyride [Jugendsünden]

Unter der Rubrik „Jugendsünden“ werde ich in loser Folge einige Alben der 90er Jahre vorstellen, die ich in meiner Jugendzeit (will sagen: als diese Alben aktuell waren...) hörte. Es soll also keinesfalls eine Liste der musikalischen Werke werden, die ich für die besten dieses Jahrzehnts halte. Aber vielleicht hilft es ja der einen oder anderen Person, anhand dieser Alben nachzuvollziehen, warum ich eben so bin, wie ich bin. Aber wohl eher nicht.

JoyrideDen Anfang macht ein Album, das auch in meinem musikalischen Passivwirken den Anfang machte (alte Klaus&Klaus-Kassetten mal ausgeklammert). Es war 1991, und wie so oft war ich über Pfingsten zu Gast bei meinen Cousins in Ditschiland (aka Dithmarschen). Den Grund dafür stellte Jahr für Jahr der große „Pfingstmarkt“ dar, also eine Art Jahrmarkt, nur dass er im Vergleich zur Kieler Kirmes nur über drei Tage ging und man nicht Gefahr lief, von Mettenhofern verprügelt zu werden. Nun gut: Die Dithmarscher Dorfjugend ist sicherlich nicht viel ungefährlicher, aber das wusste ich damals nicht und mir war auch nie irgendwas passiert (bis zu dieser eigenartigen Wodka-Geschichte mit dem Palmenmann einige Jahre später, aber das gehört hier nicht rein...). Auf jeden Fall gab es dort ein Fahrgeschäft nicht unähnlich dem „Metroliner“ im Hansa Park: Es geht schnell im Kreis und mal vorwärts und mal rückwärts. Einzig anders war, dass irgendwann während der Fahrt ein Verdeck über die einzelnen Wagen gestülpt wurde, damit man ungestört hätte knutschen können, weshalb dieses Gefährt dann auch irgendwie „Love Tunnel“ oder ähnlich hieß. Natürlich machten nicht nur wir, sondern auch alle anderen von diesem Gimmick keinen Gebrauch.



Aber wir fuhren etliche Male mit dieser Bahn. Auf jeden Fall deutlich öfter, als der Betreiber unterschiedliche Lieder parat hatte. Etwa jedes dritte Mal ertönte – zumal ja auch schon aufgrund des Titels und des Texts äußerst passend – „Joyride“ von Roxette. Ich hatte mir zuvor nicht viel aus Musik gemacht, kannte zwar einige Songs aus dem Radio – aber dieses Lied hatte es mir angetan.



Als ich nach Pfingsten wieder in Kiel ankam, ließ ich mir von einem Mitschüler sogleich die gesamte LP (!) auf MC (!!!) überspielen. Und sie düdelte fortan die ganze Zeit in meinem Kassettenrekorder. Meine Favoriten waren neben dem Titelsong, den ich bald schon nicht mehr hören konnte, die zweite Single „Fading Like A Flower“ sowie die schnelleren „The Big L.“ und „Church Of Your Heart“, welches die sagenumwobene Kieler All-Star-Kapelle Theorem Of Anger elf Jahre später veredeln würde. Zudem war die Schnulze „Spending My Time“ mein erstes Engtanzlied – erst danach folgte „Wind Of Change“ von den Scorpions als zweites, drittes, viertes, …, fünfhundertstes Engtanzlied. (Ich bin übrigens schockiert, dass der Thesaurus von OpenOffice das Wort „Engtanz“ nicht kennt. Ich schließe mal daraus, dass die Jugend von heute so etwas nicht mehr macht...)



Roxette waren meine erste große musikalische Liebe. Ich begann auch schnell den definitiv ein Stück besseren, weil abwechslungsreicheren Vorgänger „Look Sharp“ ins Herz zu schließen, und im November 1991 waren es auch Roxette, die ich als erste Band auf einem „echten“ Konzert erleben durfte – in der Ostseehalle, versteht sich. (Okay, eigentlich war natürlich die Vorgruppe „Glass Tiger“ die erste Band, aber das zählt ja nicht. Das ist so, als würde man sagen, die Kilians – und nicht Tomte – seien die erste Band nach den Smashing Pumpkins gewesen, die auf dem Spielbudenplatz in Hamburg spielen durften, und das wäre ja – Achtung: Kalauer – Majestheesbeleidigung.) Meine Liebe zu Per Gessle und Marie Fredriksson ging sogar so weit, dass ich einem in Schweden urlaubenden Freund auftrug, mir doch bitte eine Briefmarke mitzubringen, auf der die Band drauf ist – ich habe diese Briefmarke heute noch. Die späteren Alben von Roxette waren allerdings eher mau, einzig „Crash Boom Bang“ von 1994 fand ich noch ganz okay. Die Band verabschiedete sich langsam aber sicher vom „Rock/Pop“, den sie auf den ersten Alben so perfektionierte. Und nicht nur Roxette, denn das gesamte Genre starb irgendwann Mitte der 90er aus und ward nie mehr gehört...

Sonntag, 27. Juni 2010

Für immer und Selig [Cappui]

Wenn mich Leute fragen, ob ich in diesem Jahr auf der Kieler Woche war, kann ich stolz sagen: „Natürlich – am Dienstag.“ Mehr braucht es wirklich nicht, denn ständig die selben Bands und immer betrunkenere Jugendliche muss man sich wirklich nicht all zu oft geben. Da kann noch so viel von „back to the roots“ geschwafelt werden – nur, weil das gelb-blaue Zirkuszelt nach vielen Jahren erstmals wieder auf der Reventlouwiese steht, heißt es nicht, dass dort wie früher recht unbekannte Rockbands auftreten und man sich genüsslich mit seinen mitgebrachten Bierdosen, einer Kippe und entfernten Bekannten neben dem Zelt auf der Wiese niederlässt und den Abend genießt. Das scheitert ja schon an den Bierdosen. Auch wenn es ja mittlerweile wieder welche zu kaufen gibt. Aber wer macht das schon?

Warum ich am Dienstag dann aber doch auf der KiWo war? Um es vorwegzunehmen: Ich habe von dem ganzen Trubel kaum etwas mitbekommen, bin direkt zur Hörnbühne und zurück, habe damit fast keine dieser unzähligen Verkaufsstände gesehen und musste mich nicht ein einziges Mal darüber echauffieren, dass es wegen überfüllter Wege nicht voran ging. Hooray! Und das Ganze passierte natürlich am Dienstagabend, weil dort mit Selig eine Band spielte, die ich schon in den 90ern großartig fand, aber nie live sehen konnte – dabei spielte sie damals irgendwann sogar mal im MAX. Tun sie auch jetzt wieder, aber mittlerweile verlangen Plewka, Neander und Co. dafür unsägliche 32 Euro. Das geht gar nicht, zumal Steffen immer davon schwärmt, dass er nur 12 Mark damals für Selig und Nationalgalerie im Doppelpack zahlen musste.

Jetzt also zum ersten Mal Selig, und passenderweise habe ich mein schniekes „Jetzt erst ECHT“-Shirt angezogen. Kim Franks Band galt ja einst – nicht wirklich zurecht – als die „neuen Selig“, als sie durchstartete. Als ich vor dem Konzert zufällig eine KIELerLEBEN-Redakteurin samt ihren Freund treffe, wird mein Shirt auch gleich kritisch beäugt. Ich kontere gekonnt mit „Naja, Selig sind doch die neuen Echt“, woraufhin mir erklärt wird, dass ich ja völlig falsch liegen würde, da es Selig ja schon in den 90ern gab, sogar länger als Echt. Keiner versteht meinen Humor. Mit den Worten „Mir ist es hier zu blöd“ verlässt die KIELerLEBEN-Redakteurin samt Freund anschließend meine Gesellschaft, aber das hat sicher nichts mit mir zu tun. Auf jeden Fall mache ich mir darüber keinen Kopf, sondern gucke mir lieber mal den Rest des schon anwesenden Publikums an: Die schleswig-holsteinischen Turbojugenden sind bereits vielzählig am Start und ebensozählig betrunken. In den ersten Reihen hingegen kauern viele geschminkte Teenie-Mädels, bei denen ich mich frage, woher sie Selig überhaupt kennen, wenn sie doch quasi erst bei deren ersten großen Hit „Sie hat geschrien“ versehentlich gezeugt wurden. Erst Minuten später erkenne ich an einem „One Fine Day“-Shirt, das eines der Kids vorne trägt, den wahren Grund ihrer Erste-Reihe-Warterei. Armes Selig.

Mittlerweile ist der Platz vor der Hörnbühne wirklich schon sehr gut gefüllt, als denn endlich Tim und Tine vorbeikommen. Zwei Minuten später betreten dann auch schon pünktlich Selig die Bühne, weitere zwei Minuten später auch endlich Jan Plewka, der sich ganz Rockstar-esque einen Sonderapplaus abholen darf. Die Band fängt auch gleich mit dem Klassiker „Ist es wichtig?“ an und bestätigt damit, dass man nicht nur Songs vom letztjährigen Comeback-Album spielen wird. Gut so. Musikalisch ist das alles auch mehr als ordentlich. Warum sollten die Herren es auch verlernt haben? Sie waren ja in der Zwischenzeit auch nicht untätig. So hatte Plewka neben einiger Solosachen mit Zinoba und TempEau auch zwei neue Bands, und Gitarrist Christian Neander konnte seine Gitarrenskills in der Liveband von Ingo Pohlmann schärfen. Offenbar hat er von ebendiesem auch diese schreckliche Stadionrock-Atmosphäre bei Selig importiert. Es vergeht kaum ein Lied, in dem Jan Plewka nicht dazu aufruft, mitzuklatschen oder zu -singen. Was natürlich kaum jemand tut, denn die ersten Reihen beobachten lieber One Fine Day, die gerade „backstage“ ein Interview aufzeichnen. Und die Turbojugenden? Die haben wechselweise Bier in der Hand oder im Mund und können deshalb nicht mitmachen. Vermutlich sind sie auch zu stolz dazu.

Selig sind dennoch augenscheinlich nicht unglücklich über die Stimmung, was vielleicht auch am Wetter und den umherschwirrenden Heißluftballons liegt. Jan Plewka, den ich mittlerweile als den „neuen Hartmut Engler“ tituliere, versucht es trotzdem ein einziges Mal mit einem auffordernden „das geht noch lauter“, vergisst dabei aber offenbar, dass wir hier nicht auf einem Vuvuzela-Konzert sind. Die neuen Revolverheld legen dann noch einmal richtig los, im Grunde fehlt nur noch ihr WM-Hit. Kurz darauf stimmen die neuen Tomte mit „Die Besten“ einen ihrer Klassiker an, und plötzlich ergeben die Songzeilen „ich dacht', wir hätten uns gefunden / ich dachte schon, wir könnten die Besten sein“ einen völlig neuen Sinn. Damit muss doch einfach Jogis Elf gemeint sein.

So beschleicht mich auch nach den beiden phantastischen Zugaben, logischerweise „Wenn ich wollte“ und das Gänsehaut erzeugende „Ohne Dich“, ein merkwürdiges Gefühl, als hätte sich wieder einmal eine der geliebten Bands aus der Vergangenheit verkauft. Aber hauptsache, Echt bleiben die Alten, wenn sie im Herbst ihr Comeback geben.

Mittwoch, 9. Juni 2010

Echt Panik (Immergutrocken 2010 – Teil 3) [Cappui]

Ist das Immergut mittlerweile zu einer Eintagsfliege verkommen? Oder kann sich Sascha einfach nicht mehr an die Geschehnisse des zweiten Tags erinnern? Weit gefehlt – er hatte nur keinen Schnöf, weiterzuschreiben. Jetzt aber.

Also wie vielleicht bereits erwähnt, ist die erste Nacht wirklich eine saukalte Angelegenheit. Die Immergut-Homepage verkündet im Nachhinein sogar den ersten Bodenfrost der Festivalgeschichte, aber das halte ich dann doch für ein Gerücht. Es ist aber definitiv so kalt, dass ich bereits früh Schlafsack und Zelt verlasse, um spazieren zu gehen. Ja, hallo Logik. Aber draußen friere ich tatsächlich weniger, und im Grunde ist es auch gar nicht mehr so früh, schon nach sechs Uhr. Das sehen auch andere Camper auf dem anderen Ende des Zeltplatzes ähnlich: „Aufstehen, Du Muschipenis“, glaube ich zu hören, als ich an einem dieser gehypeten Zwei-Sekunden-Aufbau-Zelte vorbeigehe. Oh my God, it's spreading!

Nach kurzem Frischmachen – die Duschen auf dem Immergut sind tatsächlich unschlagbar – wärmt die Sonne auch schon unsere Gemüter, und auch auf dem Zeltplatz herrscht schon reges Treiben. Zeit also für ein bisschen Spaß: „Offi, weißt du, was ich mich schon die ganze Zeit frage?“ - „Nee, was denn?“ - „Wo sind all die Indianer hin? Wann verlor das große Ziel den Sinn? So wie Chingachgook für das Gute steh'n, als letzter Mohikaner unter Geiern nach dem Rechten seh'n.“ Wir singen inbrünstig das Lied von unser aller Lieblingsband Pur und erhalten Standing Ovations von allen, die gerade stehen und Sitting Ovations von allen, die sich auf den Schreck erst einmal hinsetzen müssen.

ImmergutSaschaKurz darauf beschließen Offi und ich, dann doch zum Fußballturnier zu gurken. Weil sich die Hooligans von Dynamo Berlin sowie deren Fans für die Fips-Asmussen-Kampfbahn in Neustrelitz angekündigt haben, findet das Immergutzocken in diesem Jahr in der Fips-Asmussen-Kampfbahn in Alt-Strelitz statt. Cleverer Schachzug. Der Busfahrer des Shuttlebusses wird bereits nach wenigen Sekunden zum Kult erklärt. „Genau so stellt man sich einen ostdeutschen Busfahrer vor“, meint Offi, und ergänzt dann: „Naja, einen westdeutschen auch.“ Es hat schon ein wenig Mannschaftsbus-Atmosphäre, wie wir dort in zweiter Reihe sitzend, mit Streuselschnecken und Bier im Rucksack auf weitere Mitfahrer warten.

Leider klappt es in diesem Jahr nicht mit dem Mitspielen. Kim Frank dreht lieber Musikvideos statt seine Runden auf dem Fußballplatz, so dass die Mannschaft Echt trotz nachträglichen Eintreffens von Tim in Teamkluft nicht antreten kann. Eine Spielgemeinschaft mit der Band „Ja, Panik“ unter dem Namen „Echt Panik“ kommt ebenfalls nicht zustande, weil diese lieber unter sich bleiben will, obwohl sie nur zu sechst sind. Wir hören ihnen aber gerne zu mit ihrem süßen österreichischen Dialekt. Fast so gerne wie den Kommentatoren, die Offi und ich insgeheim als große Idole haben. So viel Schwachsinn auf einem Haufen reden die, und außerdem bieten sie an, dass man sich gekaufte Cola bei ihnen gratis „veredeln“ lassen kann durch Doppelkorn oder Klaren. Wir entscheiden uns unabhängig voneinander jeweils für den Doppelkorn wegen mehr Alkohol... Außerdem genießen wir hier die rötende Sonne, die Spiele, bei denen „Ja, Panik“ so sehr Kloppe beziehen, als würden sie gegen Färinger spielen, und Toiletten mit Spülung im Vereinsheim. Genau so stellt man sich einen immerguten Samstagmittag vor.

Dennoch entscheiden wir uns, bereits den ersten Bus zurück zum Festivalgelände zu nehmen. Schließlich ist ja auch schon das eingepackte Bier alle und Offi noch ungeduscht.

Montag, 7. Juni 2010

Reingehört: Far [Musik]

FarHachja, der Jonah Matranga. Wenn man mich nach den fünf wichtigsten, einflussreichsten Musikern für meinen Geschmack fragt, darf er einfach nicht fehlen. 2001 war es, als auch ich auf der hohen Emo-Welle surfte und das „Album des Monats“ in der Visions unbedingt konsumieren musste: „Thriller“ von New End Original war neben Thursdays „Full Collapse“ der endgültige Höhepunkt einer Szene, die nie eine eigene sein wollte und letztlich im Teenie-Screamo-Einheitsbrei unterging. New End Original galten dabei als „Supergroup“, denn sie bestand aus Mitgliedern der aufgelösten Bands Texas Is The Reason und Far. Beiden Bands näherte ich mich dann posthum an und war ebenfalls begeistert, insbesondere von „Water & Solutions“, dem vorerst letzten Werk Fars, der ersten Combo von Jonah Matranga.

Mittlerweile ist viel Wasser das Emo-Gesicht runtergeflossen, und da trauen sich die alten Hasen nun doch wieder aus ihren Löchern. Texas Is The Reason spielen zumindest wieder Liveshows, und Far haben mit „At Night We Live“ tatsächlich ein neues Album veröffentlicht – das erste seit rund zwölf Jahren. Die Vorfreude war groß, zumal Jonah Matranga nach der Auflösung der viel zu kurzlebigen New End Original nie von der Bildfläche verschwand. Denn der Sänger startete nicht nur mit der Band Gratitude einen ebenfalls kurzlebigen, schon beinahe indiepoppigen, aber letztlich erneut vergeblichen Versuch, Platten zu verkaufen. Nebenbei trat er auch immer wieder solo in Erscheinung – zunächst unter dem „New End Original“-Anagramm „Onelinedrawing“, später dann der Einfachheit halber unter eigenem Namen. Und er spielte vor allem dreimal binnen 19 Monaten im wundervollen weltruf in Kiel. Den Mann muss man einfach live erlebt haben, denn er singt mit einer solchen Inbrunst, einer solchen Intensität seine Lieder aus allen seinen musikalischen Stationen – und ungemein sympathisch, wenn auch sehr pathetisch, ist der Jonah auch noch.

Aber kommen wir nun endlich zur Antwort auf die Frage, was denn „At Night We Live“ taugt. Zunächst war ich natürlich äußerst euphorisiert, aber im Laufe der weiteren Hördurchgänge nutzt sich das Album leider schneller ab, als man es sich hätte wünschen können. Sicher, da haben wir mit der ersten Single „Deafening“ gleich einen Opener, der tatsächlich an alte Glanztaten anknüpft. Wütende Gitarren und vor allem die wundervoll wandlungsfähige Stimme Matrangas waren schon eh und je das Markenzeichen der schnelleren Songs aus seiner Feder. Aber schon ab dem zweiten Song dümpelt das Album böse vor sich hin: „If You Cared Enough“ und besonders das mit Handclaps angereicherte „Give Me A Reason“ erinnern eher an schlechte Lieder von Jimmy Eat World. „Burns“ und „Are You Sure?“ fehlt trotz klarem Uptempo irgendwie die Energie früherer Tage und klingen doch eher nach belanglosem Radiopop. Auch dem langsamen „When I Could See“ hätte mehr Intensität sehr gut getan, dann wäre der Song gar auf dem Deftones-Meisterwerk „White Pony“ nicht negativ aufgefallen. So bleiben Highlights leider Mangelware. Doch es gibt sie: „Fight Song #16,233,241“ ist zwar klischeebeladen ohne Ende mit Metal-Slogans, doch macht das Lied nicht nur Spaß, wenn man – wie das gesamte weltruf im Juli 2009 – selbst an den Grölstellen im Song mitwirken durfte. Und mit dem Titelsong sowie dem siebenminütigen „The Ghost That Kept On Haunting“ knüpft Jonah Matranga sogar an seine „New End Original“-Zeiten an.

So ist „At Night We Live“ sicherlich kein schlechtes Album, für einen musikalischen Meilenstein oder gar die Wiederbelebung eines toten Genres reicht es aber beileibe nicht. Natürlich schön, dass Far zurück sind - aber da höre ich dann doch lieber die alten Hits.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Button-Börnie (Immergut 2010 – Teil 2) [Cappui]

Wo waren wir noch gleich stehengeblieben? Achja: Die Zelte sind aufgebaut, der Regen abgeebbt und das kühle Bier zum Marsch auf das Festivalgelände geöffnet. So viele Aktivitäten in einem Passivsatz. Auf dem Weg müssen Offi und ich knifflige Quizfragen beantworten, die uns vom Wegesrand gestellt werden. Die Abkürzung für eine Party im Altersheim? Richtig: Sen.Feier. Und endlich wissen wir „Plön ist schön“ und andere Kalauer Tims endgültig zu schätzen.

Die bange Frage, ob das Abholen der Festivalbänzel wie im Vorjahr gefühlte Ewigkeiten dauern würde, beantwortet sich in dem Moment, in dem wir am leeren Bänzelstand erst einmal vorbei laufen. Während wir darauf warten, dass auch Tine ihr Wegbier endlich geleert hat und bevor wir ihr dabei unterstützend unter die Arme greifen (wie selbstlos!), fallen uns die Plakate für das Appletreegarden Festival ins Auge. Kann man ja mal drüber nachdenken, zumal der Eintritt nur halb so viel kostet wie der fürs Immergut.

Sascha-auf-ImmergutAuf dem Festivalgelände dann erst einmal das obligatorische Torwandschießen. Nie zuvor hatte es für mich gereicht, mich direkt für das samstägliche Fußballturnier zu qualifizieren. Und diesmal: Ein Schuss, ein Treffer. Leider geht es so nicht weiter, so dass es bei diesem einen Tor bleibt und ich letztlich kein Losglück habe. Ein zweiter Treffer hätte definitiv gereicht, denn dieser St.Pauli-Mokel, der vor mir dran war, traf auch nur einmal und stand am nächsten Tag in der Fanmannschaft. Aber dazu kommen wir später.

Mittlerweile spielen bereits Everything Everything auf der nun Waldbühne betitelten Hauptbühne. Gefällt mir sehr gut und erinnert mich ein bisschen an Phoenix, die ja möglicherweise mit einem ihrer Lieder sogar Namensgeber für die Band gewesen sein könnten – denke ich mir so im Stillen. Kurz darauf wechseln wir zur neu geschaffenen dritten Bühne, die sich in einem kleinen Zelt befindet und damit nur wenigen Menschen die Sicht auf die Künstler ermöglicht. Pfui! James Yuill, der mir „aus der Konserve“ eigentlich recht gut gefällt, macht dort ziemlich viel Elektro-Radau. Immerhin können wir zu der Musik einige Klassiker der 80er Jahre anstimmen, das hat ja auch etwas für sich. Durch unsere gute Laune ziehen wir aber natürlich schnell mal nerviges Gesocks an, in diesem Falle den vermutlich volltrunkenen „Button-Börnie“. Mit unzähligen Buttons – aber nur drei verschiedenen Motiven – gepflastert stößt dieser Mensch mit vielen ihm wildfremden Menschen sowohl an als auch zusammen. Dass wir den Kerl, der uns am Freitag noch etliche Male über den Weg läuft, am zweiten Festivaltag gar nicht mehr zu Gesicht bekommen werden, sollte nicht weiter verwundern.

The-Go-TeamWeiter mit der Musik: Vierkanttretlager im Zelt gefallen mir ganz gut, als Schleswig-Holsteiner muss man ja auch zusammenhalten. Als Official Secret Act auf der Waldbühne entpuppt sich die Band Official Secrets Act. Verrückte Welt! Offi wartet die ganze Zeit auf deren großen Hit und der kommt natürlich irgendwann ganz zum Schluss. Schlecht ist die Musik zwar nicht, aber schon irgendwie eintönig auf Dauer. Dann geht’s wieder zurück ins Zelt, wo We Were Promised Jetpacks schnell klarstellen, dass es ein Fehler war, sie nicht auf die große Bühne zu stellen. Das Zelt ist sehr gut gefüllt und besonders zu „Quiet Little Voices“ wird auch gut mitgesungen und -gefeiert. Dann aber ist es endlich Zeit für das unumstrittene Highlight des Immergut, auch wenn Offi da anderer Meinung ist. Soviel zum Thema unumstritten. The Go! Team machen mächtig Radau auf der Waldbühne, spielen alle Hits und einige neue Stücke. Tims Ankündigung im Vorfeld, die Band sei live sehr krachig, kann ich auf jeden Fall nicht unterschreiben. Sicherlich stehen die Gitarren mehr im Vordergrund als auf Platte, aber das hat schon noch alles Hand und Fuß. Ein sehr toller Auftritt, die Band kann man sich gerne noch einmal anschauen.

Bereits früh verlassen wir am Freitag das Festivalgelände, denn mit Bonaparte und Turbostaat wartet das Immergut mit eher ungelungenen Headlinern auf. Fröstelnd im eigenen Zelt fühle ich mich auch bestätigt, denn das klingt alles andere als überzeugend, was man von diesen Bands aus der Ferne aufschnappt. Besser wird es die Nacht über auf der Party aber offenbar auch nicht mehr, denn irgendwann wird tatsächlich „Paradies“ von den Toten Hosen angespielt. Dass Campino höchstpersönlich in Neustrelitz zu Gast ist und dabei Bonbons verteilt, scheint aber wirklich nur ein schlecht gestreutes Gerücht zu sein.

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