Der längste ununterbrochene Nicht-Kiel-Aufenthalt seit der Reise zur Sonnenfinsternis im Sommer 1999 führt mich für fünf Tage nach Hamburg und unter anderem zu Konzerten von Friska Viljor, Eagle*Seagull, Herrenmagazin, Samba und beinahe Decemberists. Erstere hab ich dann sogar interviewen müssen. War zwar nicht so dolle, aber im Laufe des Jahres bemerkte ich, dass es noch schlimmer geht.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hatte derweil bereits Gold geholt, was ich dann auf dem Mia-Konzert am selben Abend zu feiern wusste. Ich war aber wohl der einzige, der davon wusste. Mediale Wirkung hatte der Sieg aber dennoch, was ich beim nächsten Heimspiel des THW zu spüren bekam, als die Pressetribüne mehr als überfüllt war und der Kerl von der Bild-Zeitung sogar beinahe eine Prügelei angezettelt hätte. (Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob es wirklich die Bild war, aber so stelle ich mir typische Bild-Redakteure vor...)
In Sittensen, dem Ort zur Autobahn-Abfahrt in Niedersachsen mit dem besten Burgerking der Welt, werden sieben Menschen in einem China-Restaurant brutal hingerichtet. Im Burgerking ist man aber sicher sicher! Derweil kämpft Sascha um seinen Zahlentheorie-Schein und bekommt ihn auch, lässt dafür aber einige unbelehrbare Naturwissenschaftler durch deren Klausur fallen - selbst schuld, wenn sie mein Hilfeangebot nicht annehmen!
Etwa zeitgleich auch die ersten eher zaghaften Werbeversuche um Frau K. aus K. - es sollte bis Ende des Jahres bei zaghaften bleiben. War dann halt alleine beim Irene-Konzert und feierte alleine meinen Abschied vom schönen Nachtcafé, denn die Betreiber zog es an die Hörn, wo einen Monat später der Blaue Engel eröffnete.
Achja, und Geburtstag hatte ich ja auch noch. Wieder einmal nach Hamburg verdrückt und dort dann "Trail of Dead" angeschaut. So sollten Geburtstage immer sein, finde ich!
Die Preiserhöhung der Deutschen Bahn trifft mich erstmals um kurz nach 5 Uhr morgens, am 1. Januar am Hamburger Bahnhof: Ab sofort 18,30 Euro für eine einfache Fahrt von Hamburg nach Kiel. Ich bin aber trotzdem rekordverdächtig oft in die große Stadt gefahren. Zum Beispiel zu den Kilians, die ich auch beim zweiten Auftritt doof fand. Man muss ja nicht alles toll finden, nur weil der Uhl die hypet...
Und sonst so? In Berlin nuckelt ein kleiner Eisbär an einer Flasche, aber sein großer Monat soll erst noch kommen. Das Wintermärchen um die deutsche Handball-Nationalmannschaft nimmt langsam an Fahrt auf. Und Kiel spielt verrückt wegen ein bisschen Wind, der den Namen Kyrill trägt. Mein Proteststurm besteht darin, an ebenjenem Abend ins Luna zu Dendemann zu gehen. Trotz aller Wetterwarnungen, man solle doch bitte das Haus nicht verlassen, ist das Luna proppevoll und draußen halt nur ein bisschen Wind - auf dem Heimweg dann nicht einmal mehr das...
Erstes musikalisches Highlight des Jahres: Brand New (da verlasse ich mich mal auf die last.fm-Statistiken).
Und das eigene Nervenkostüm sitzt einigermaßen bequem. Was im "Jetzt erst recht!"-Januar aber auch nicht so verwunderlich ist.
Ich habe mich jetzt doch noch entschlossen, hier rumzubloggen. Nix gefühlsduseliges, denn das behalte ich lieber für mich (außerdem neige ich dazu, gerne mal in Selbstmitleid zu verfallen...). Nix kryptisches, denn das würde ich beim Lesen vermutlich selbst nicht mehr verstehen.
Aber da es Leute geben soll, die meine hochwertigen kiel4kiel-Artikel nicht lesen, weil sie einfach nicht bei kiel4kiel lesen (was ich gut verstehen kann...), werde ich meine Konzertberichte in Zukunft auch hier reinstellen.
Heute möchte ich die Gelegenheit aber dazu nutzen, meine Top 10 Alben und Konzerte des Jahres aufzulisten (weil ich das gerade in verschiedenen Jahrespolls von Musikmagazinen und in diversen Mails bereits erledigt habe...).
So here we go:
Meine Top10 Alben:
01 Friska Viljor - Bravo! (CD-Review / Interview)
02 Scut - This Is How It Feels When You Stumble
03 Locas In Love - Saurus
04 Biffy Clyro - Puzzle (CD-Review)
05 The Strange Death Of Liberal England - Forward March!
06 Malajube - Trompe L'Oeil (CD-Review)
07 The Mary Onettes - dto.
08 Tocotronic - Kapitulation
09 Tele - Wir brauchen nichts
10 Modest Mouse - We Were Dead Before The Ship Even Sank
Meine Top10 Konzerte:
01 Jonah Matranga + Ian Love (weltruf, 06.12.07)
02 Damien Rice + The Magic Numbers (Markthalle, 12.03.07)
03 Friska Viljor (Immergut Festival, 01.06.07)
04 Tocotronic (MAX, 18.10.07)
05 clickclickdecker (weltruf, 24.02.07)
06 Tele (Hansa48, 23.10.07)
07 Dashboard Confessional (Funkhaus Wittland, irgendwann im Mai...)
08 Aereogramme + The Magic Numbers (Markthalle, 25.02.07)
09 Bright Eyes (Columbiahalle, 26.03.07)
10 Malajube + Menomena (Uebel&Gefährlich, 19.09.07)
Und bei euch so?
Ihr habt es sicherlich alle gehört: One Fine Day sind jetzt Hamburg! Dennoch: Den Tourauftakt für das zweite “Leg” ihrer “Damn Right”-Tour, welches die Ex-Kieler bis Ende Oktober durch ganz Deutschland führt, feiern die Punkrocker an alter Wirkungsstätte. Die Fans zieht es am Donnerstag trotz des Umzugs an die Elbe in Scharen in den Orange Club, um dem Rock’n'Roll zu frönen - oder dem, was sie dafür halten.
Die erste Hürde zum “Let There Be Rock” gibt es allerdings bereits beim Einlass: Eine meterlange Schlange trennt mich noch vom warmen Orange Club. Damit mich die Kälte nicht einholt, lenke ich mich zunächst damit ab, die Emo-Frisuren zu zählen. Sechzehn, siebzehn. achtzehn… da wird der Spaß abrupt unterbrochen vom netten Security-Mann: “Wer ist hier alles unter 16? Jetzt mal ganz ehrlich!” Ja, auch das Mitschleppen eines Erziehungsberechtigten ist nunmal Rock’n'Roll, und wer sich nicht an diesen Lifestyle hält, hat in der Trauma heute nunmal nichts verloren.
Kurz bevor ich mich dazu durchringen kann, dieser Maßnahme durch Applaudieren meine vollständige Solidarität auszusprechen, eröffnet sich bereits ein spannenderes Szenario: Eine Dreier-Combo fünfzehnjähriger Mädels möchte partout nicht den Tourauftakt und das vermutlich erste Rockkonzert ihres Lebens verpassen. Also wird der nette Securitymann belatscht, der sich - weil er eben ein netter Securitymann ist - darauf einlässt, am Handy die Eltern der Kids zu briefen: “Also das Konzert geht etwa bis 24 Uhr, so ist es auf jeden Fall eingeplant, plus/minus zehn Minuten. Sie können ihre Tochter dann im Eingangsbereich des Restaurants abholen.” Nach mahnenden Worten mit erhobenem Zeigefinger geleitet er die drei Mädels nun doch in den Club und spielt nun rund vier Stunden lang Baby- oder besser gesagt Rock’n'Roll-Sitter. Ich freu mich für die Kids, denn ich meine: Was ist mehr Rock’n'Roll, als eine Rock’n'Roll-Regel zu brechen, aber quasi durchs Hintertürchen (auch wenn es in diesem Fall der Haupteingang ist) doch noch Rock’n'Roll zelebrieren zu können? Eben!
Irgendwann bin ich dann auch endlich drin, schnappe mir eine Rock’n'Roll-Bionade vom Tresen und beobachte zwei junge Damen mit Kirsch-Ballerinas und schwarzen Haaren, die gerade vom üppig gefüllten Merchandise-Stand zurückkommen. In ihren Händen tragen sie stolz die neuen Tourshirts von One Fine Day, die dann auch sofort übergezogen werden müssen. Da ich die beiden Mädels nun überhaupt nicht mehr voneinander unterscheiden kann, schau ich mich weiter um: Das Durchschnittsalter beträgt vermutlich - mich eingeschlossen - 17 Jahre, und mittlerweile tragen schon 20 Leute dieses vermaledeite Tourshirt. Aber bevor ich in - gar nicht rock’n'roll-esque - Midlife-Depressionen verfallen kann, geht es endlich auf der Bühne los.
Amplify - so heißt die erste Band, die aus Hamburg kommt und auch sonst alle benötigten Klischees erfüllt: Ein Sänger, oder besser gesagt Shouter, mit Emoscheitel und Strähnchen, ein Bassist mit blaugrünen Haaren und einem wirren Look, als hätte er bunte Pillen eingeschmissen, ein Green Day T-Shirt - dies sind meine ersten Eindrücke. Dazu diese typische Melange aus Punkrock, leichten Emo-Elementen und diesem neumodischen NuMetal-Wumms, der vermutlich nur dazu da ist, damit der vierte Kumpel auch noch mitspielen kann. Mitsingen darf man bei den englischen und zuweilen auch deutschen Texten natürlich auch immer wieder gerne, zudem gibt es crazy Sprunge der drei Frontmänner auf der Bühne, immer wenn die Breaks in den Instrumentalparts nur so danach schreien. Und das Publikum? Es hält natürlich einen Respektsabstand und versammelt sich hinter der Grenze zur Tanzfläche, als würde man auf den Startschuss fürs Sackhüpfen warten. Vorbands sollte man auch nicht zu sehr unterstützen, stimmt schon.
Als zweite Band dann die Kieler wax.on wax.off, der - ich gebe es hiermit zu - eigentliche Grund für mich, den Orange Club zu beehren. Das Trio spielt dann auch am ehesten das, was die Ramones damals als Punkrock ausgemacht hatten. Textlich und auch musikalisch erinnert die Band um Frontklops Thorsten “Johnny Hotrod” Rott am ehesten an die Nerdpunks der hierzulande leider kaum bekannten Nerf Herder, und so verwundert es nicht weiter, dass ihr Album “A Lecture on Geek Mythology” bislang nur in den USA ein Abnehmerlabel gefunden hat. Trotz alledem wirken wax.on wax.off in ihren Ansagen und mit ihrem Dialekt typisch norddeutsch und können die junge Meute schon ein kleines bisschen mehr begeistern - auch wenn sie nicht in das typische Emopunkrock-Raster fallen. Das Trio zaubert auf jeden Fall mehr als alles andere den Rock’n'Roll in den Orange Club.
In exakt dem Augenblick, in dem wax.on wax.off die Bühne verlassen, fällt diese unsichtbare Grenze, die die Kids offenbar vom Betreten der Tanzfläche abgehalten hat. Nun verharren sie allesamt dort, schauen dabei zu, wie Melle von delta radio, ihres Zeichens auch Managerin von One Fine Day, auf der Bühne die fünf Handtücher - für jedes Bandmitglied eines - strategisch verteilt und anschließend die Setlists auf dem Boden festklebt. Mittlerweile ist es viertel nach zehn, als die Protagonisten endlich anfangen. Waren die Lautstärkeregler bislang nur auf Stufe 10 gestellt, ist es nun die 11. Es dröhnt unglaublich in den ersten Sekunden, aber auch das ist nunmal Rock’n'Roll. Als dann Sänger Marten, natürlich als Letztes, die Bühne betritt und gleich drauflossingt, haben sich die Gehörgänge mittlerweile dran gewöhnt, und einer ausgelassenen Party steht nichts mehr im Wege. Im Vergleich zu den Anfangstagen haben sich One Fine Day stilistisch weiterentwickelt und spielen nun genau das, was die Kids hören wollen - und nicht andersrum! Die Musiker haben mittlerweile das Posen gut drauf, das macht sich auf Postern, Fotos und vor allem in Musikvideos immer ganz gut. Beim Konzert ist es aber eigentlich egal, denn die Fans sind bis auf wenige Ausnahmen mit sich selbst und den Pogoremplern gegen die Nebenmänner (und vor allem -frauen!) beschäftigt.
Klingt alles gemein, aber der Erfolg gibt One Fine Day nunmal recht. Und ganz unter uns: Die Hamburg-Dammtor-Hymne “Goodbye Reality” ist nunmal ein verdammter Hammer-Ohrwurm! Von daher bleibt mir nur, mich vor dem Schaffen der Ex-Kieler zu verbeugen. Halt, nein: Besser den Zeige- und den kleinen Finger in die Luft reißen - denn das ist Rock’n'Roll!
Vorkehrungen werden getroffen im Blauen Engel zum Auftakt der “Blauer Montag”-Herbstsaison: Alle Tische direkt vor der Bühne werden rausgeschmissen, denn es soll ja schließlich kein Sitzkonzert werden, wenn The Jakpot mal zu Gast sind. The Jakpot? Richtig, wie der Name schon vermuten lässt, spielt die Band aus Manchester tanzbaren Indiepop typisch britischer B(r)auart.
Eigentlich sind The Jakpot ja viel zu spät dran. Vor zwei Jahren, im musikalischen Fahrwasser von Maximo Park und The Kooks, da wäre ihr demnächst erscheinendes Debüt-Album “Throw Away Culture” vermutlich noch weggegangen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Aber das Quartett gehört nunmal zu der nachkommenden Generation, zusammen mit Bands wie den Wombats und Little Man Tate haben sie es natürlich ungleich schwerer, noch den Durchbruch zu schaffen. So heißt es auf ihrer myspace-Seite “Blauer Engel, Kiel” zum Tourabschluss ihrer bereits dritten kleinen Deutschlandreise innerhalb der letzten zehn Monate statt “Große Freiheit, Hamburg”. Oder wie Sänger und Gitarrist Matt Watkins es simpel ausdrücken würde: “More culture, less prostitutes”.
Als Gewinner der späten Bandgeburt dürfen sich die rund 150 Gäste im Blauen Engel fühlen, die rund 60 Minuten bestens unterhalten werden. Gleich zu Beginn spielen The Jakpot mit “Turning Point” ihren Überhit, der in einer besseren Welt stündlich auf delta radio laufen würde. In ihren Songs geht es vor allem ums Aufwachsen, ums Älterwerden - und weil The Jakpot Briten sind, natürlich auch um das Bier nachm Feierabend. Tanzbar ist es wie Hulle, klingt mal nach Maximo Park, mal nach den Fratellis, mal nach den Libertines und hat natürlich in jedem zweiten Song Mitsingstellen mit dutzenden ‘la’s, ‘ba’s und ‘da’s, die man auch im Delirium noch mitschmettern kann. Mitten im Set darf Matt Watkins auch noch zwei Songs solo darbieten, dann klingt das ganze nach den Kooks. Nein, innovativ sind The Jakpot nicht, aber darum geht‘s ja auch nicht.
Die Melodien stehen gegenüber den beiden Gitarren klar im Vordergrund, Leadgitarrist Neil Duckworth nutzt daher seine häufigen “spielfreien” Passagen in den Songs, um das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen zu animieren. Dies klappt im Laufe des Konzerts auch immer besser, der Funke springt langsam über: Während anfangs nur die erste Reihe, die von der Insel mitgereisten “Ultras” der Band, die sich passenderweise “The Blak Jaks” nennen, sichtbar mitfeiert, verwandelt sich der Blaue Engel mehr und mehr in einen Tanzclub.
Während des Konzerts werde ich gefragt, wo denn plötzlich all diese Indiemenschen her kommen. Ich weiß es nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie alle spätestens zu den Mary Onettes Ende Oktober wieder den Weg in den Blauen Engel finden. Die Herbstsaison ist eröffnet, und sie hätte kaum stimmungsvoller eingeläutet werden können!